Zur politischen Rhetorik von Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier, Teil I
Die Sprache von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier ist für den Bundestagswahlkampf von zentraler Bedeutung. Sie ist das zentrale Medium für die Vermittlung ihrer politischen Botschaften, in den Pressemitteilungen ihrer Wahlkampfbüros, in den Fernseh-”Duellen” und auf den Wahlkampfveranstaltungen auf den Marktplätzen der Republik. Immer sollen durch das gesprochen Wort Wähler überzeugt oder mobilisiert, sollen Argumente genannt und Emotionen geweckt, soll das eigene politische Handeln ins rechte Licht gerückt, die Qualitäten des politischen Gegners hingegen in Zweifel gezogen werden.
Unser Blog zur Sprache von Barack Obama und John McCain während des letzten amerikanischen Präsidentschaftswahlkampfs hat gezeigt, wie unterschiedlich die rhetorischen Strategien sein können und wie unterschiedlich erfolgreich sie sind. Die Sprache der Kanzlerkandidaten reagiert wie ein Seismograph auf kleinste thematische Akzentverschiebungen in den Wahlkampfstrategien der beiden Lager. Sie verweist aber auch auf unbewusste Wertstrukturen. semtracks wird daher die Sprache der Kandidaten während der nächsten Monate intensiv beobachten.
Die erste Analyse beschäftigt sich mit den sprachlichen Spezifika der Reden von Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier in ihren Funktionen als Kanzlerin und Außenminister in den Jahren 2005-2008. Sie bilden die Vergleichsgrundlage für die Analysen der kommenden Monate.
1. Datengrundlage
Die folgenden Analysen beruhen auf der Auswertung der Reden von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier seit dem Beginn der Legislaturperiode bis Oktober 2008, wie sie auf den Webseiten des Bundeskanzleramtes und des Außenministeriums zu finden sind. Die beiden Redenkorpora haben folgenden Umfang:
Reden von Angela Merkel als Bundeskanzlerin: 768549 Wortformen (278 Reden)
Reden von Frank-Walter Steinmeier als Außenminister: 330084 Wortformen (190 Reden)
Teil I
2. Spricht Angela Merkel Frauensprache?
a. toll, spannend und wunderschön – Der Gebrauch von Adjektiven
Berechnet man, welche Adjektive im Vergleich der Redenkorpora signifikant bei Merkel und Steinmeier auftreten, dann zeigen sich erstaunliche Unterschiede:
Wortwolke: Steinmeier
afrikanisch aktiv aktuell amerikanisch arabisch asiatisch auswärtig außenpolitisch bilateral dauerhaft demokratisch deutsch direkt dringend eng entscheidend erfolgreich ernst europäisch französisch friedlich geehrt gegenseitig gemeinsam genau global heutig häufig international kalt klug knapp kommend konkret konstruktiv kritisch kulturell kurz künftig langfristig militärisch multilateral mutig nachhaltig nah neu offen palästinensisch politisch polnisch positiv recht regional russisch schwierig sicher strategisch technologisch tief transatlantisch täglich unmittelbar verantwortlich verehrt vereint vergangen wachsend weit weltweit westlich wirtschaftlich zahlreich zentral zivil zunehmend öffentlich
Wortwolke: Merkel
allergrößt ander anschließend ausreichend außerordentlich bestimmt christlich dankbar deutlich dramatisch ehrlich einfach einzeln entsprechend erheblich fest froh ganz geistig gering gesamt gleich gut hart herzlich hoch interessant jeweilig jung klein lieb mittelständisch plötzlich privat relativ richtig riesig römisch schnell schwer schön sozial spannend stolz technisch unglaublich unterschiedlich vereinigt vernünftig verschieden vollkommen vorhanden völlig wahrscheinlich wesentlich wichtig wirklich wunderbar zufrieden
Während Steinmeiers Reden gespickt sind mit Adjektiven, die entsprechend seiner Funktion als Außenminister geopolitisch motiviert sind (afghanisch, afrikanisch, auswärtig, außenpolitisch, bilateral, deutsch-französisch, deutsch-polnisch, europäisch, humanitär, international, israelisch, palästinensisch, militärisch, nuklear, reigional, politisch, sicher), entstammen die Adjektive, die typisch für die Reden Angela Merkels sind, anderen Wortfeldern. Es dominieren wertende (gut, interessant, richtig, spannend, vernünftig, wunderbar, schön) und intensivierende Adjektive (außerordentlich, allergrößt, bestimmt, vollkommen, völlig, wirklich, riesig, unendlich, dramatisch).
Ein Blick in die Statistik zeigt, dass insbesondere die intensivierenden Adjektive vollkommen, unglaublich, allergrößt sehr viel häufiger vorkommen als bei Steinmeier.
| Lemma | Frequenz Steinmeier |
Frequenz Merkel |
Chi-Quadrat | Signifikanzniveau | x mal häufiger als bei Steinmeier |
|---|---|---|---|---|---|
| vollkommen | 1 | 98 | 39,712153 | < 0.0001 | 42,09 |
| unglaublich | 5 | 168 | 60,703953 | < 0.0001 | 14,43 |
| allergrößt | 4 | 98 | 33,121448 | < 0.0001 | 10,52 |
| bestimmt | 19 | 296 | 86,446104 | < 0.0001 | 6,69 |
| unendlich | 4 | 40 | 9,192124 | 0,00201 | 4,29 |
| absolut | 5 | 49 | 11,100800 | 0,00064 | 4,20 |
| wirklich | 63 | 582 | 126,256633 | < 0.0001 | 3,96 |
| außerordentlich | 10 | 81 | 15,723470 | < 0.0001 | 3,47 |
| völlig | 29 | 213 | 37,568863 | < 0.0001 | 3,15 |
| herausragend | 8 | 52 | 7,973011 | 0,00419 | 2,79 |
| einfach | 95 | 592 | 86,013080 | < 0.0001 | 2,67 |
| riesig | 16 | 76 | 7,009167 | 0,00747 | 2,04 |
Interessant ist auch, dass insbesonders die umgangssprachlichen Ausdrücke toll und spannend und weitere positive Gefühle zum Ausdruck bringende Adjektive wie wunderschön und wunderbar fast ausschließlich bei Merkel vorkommen.
| Lemma | Frequenz Steinmeier | Frequenz Merkel | Chi-Quadrat | Signifikanzniveau | x mal häufiger als bei Steinmeier |
|---|---|---|---|---|---|
| toll | 0 | 31 | 13,314561 | 0,00017 | nur bei Merkel |
| spannend | 8 | 130 | 38,609143 | < 0.0001 | 6,97 |
| wunderschön | 3 | 38 | 10,076923 | 0,00118 | 5,44 |
| wunderbar | 10 | 86 | 17,598843 | < 0.0001 | 3,69 |
| erfreulich | 7 | 45 | 6,804279 | 0,00845 | 2,76 |
| herzlich | 118 | 659 | 81,673132 | < 0.0001 | 2,39 |
| schön | 43 | 188 | 14,362314 | < 0.0001 | 1,87 |
| lieb | 175 | 554 | 12,659750 | 0,00025 | 1,35 |
Für die Reden Frank-Walter Steinmeier sind lediglich folgende intensivierende Adjektive signifikant:
| Lemma | Frequenz Steinmeier | Frequenz Merkel | Chi-Quadrat | Signifikanzniveau | x mal häufiger als bei Merkel |
|---|---|---|---|---|---|
| entschieden | 24 | 20 | 12,566910 | 0,00026 | 2,79 |
| rasant | 27 | 27 | 10,231255 | 0,00108 | 2,32 |
| eindrucksvoll | 19 | 21 | 5,798638 | 0,01544 | 2,10 |
| entscheidend | 135 | 151 | 40,069389 | < 0.0001 | 2,08 |
Es finden sich weitere Anzeichen dafür, dass die Sprache Angela Merkels emotionaler ist als die ihres Bundesaußenministers. So benutzt sie bei Adressierungen häufiger die Form liebe/r Herr/Frau und in Dankesformeln das Adjektiv herzlich. Steinmeier hingegen benutzt bei Adressierungen bevorzugt die distanzierteren Vokabeln geehrt oder verehrt, letzteres rund 10 mal häufiger als Angela Merkel. Bezieht man auch Verben in die Analyse mit ein, dann zeigt sich, dass Angela Merkel häufiger das Verb fühlen benutzt. Steinmeier hingegen benutzt Gefühlswortschatz meist nur desemantisiert im Kontext ritualisierter Phrasen wie ich freue mich, dass.
Der häufige Gebrauch intensivierender Adverbien und die Bezugnahme auf Gefühle wurden von der Sprachwissenschaft als typische Merkmale der Frauensprache identifiziert. Spricht also Angela Merkel Frauensprache? Steht sie für einen weiblicheren, empathischeren Kommunikationsstil? Oder sind die Unterschiede in den Reden eher den Redekontexten geschuldet, mithin der Tatsache, dass Frank-Walter Steinmeier sich häufiger auf diplomatischem Parkett bewegt, auf dem eine zurückhaltendere Sprache gepflegt wird?
Ein weiteres Merkmal eines “weiblichen” Kommunikationsstils ist die Verwendung sogenannter Heckenausdrücke, insbesondere mit einschränkender Funktion. Dabei handelt es sich um Ausdrücke, die die Art und Weise bezeichnen, wie ein Exemplar einer Kategorie zugeordnet wird. Heckenausdrücke mit einschränkender Funktion finden sich fast ausschließlich bei Angela Merkel, insbesondere:
| Lemma | Frequenz Steinmeier | Frequenz Merkel | Chi-Quadrat | Signifikanzniveau | x mal häufiger als bei Steinmeier |
|---|---|---|---|---|---|
| relativ | 6 | 95 | 27,923025 | < 0.0001 | 6,80 |
| ungefähr | 6 | 47 | 8,841246 | 0,00249 | 3,36 |
| wahrscheinlich | 13 | 90 | 14,878656 | < 0.0001 | 2,97 |
Gerade Heckenausdrücke wären auch in Reden diplomatischen Charakters zu erwarten gewesen. Sie sind demnach ein Indiz dafür, dass Angela Merkels Redenstil auch jenseits der situativen Bedingungen eine “weiblichere” Prägung aufweist.
b. Von meinen, glauben und denken – Eine Analyse von subjektivierenden Äußerungen
Berechnet man die im Vergleich beider Korpora jeweils typischen Verben in den Reden Merkels und Steinmeiers, so erhält man folgendes Bild:
Wortwolke: Steinmeier
angehen arbeiten ausbauen ausgehen begegnen beginnen begleiten begreifen begrüßen beitragen bemühen beschreiben betreffen bieten bleiben brauchen danken einladen engagieren entstehen erhalten erinnern erwarten eröffnen feststellen fordern formulieren freuen fördern gelingen gelten gewinnen helfen hoffen lassen lauten lösen meinen nennen nutzen profitieren richten scheinen schließen sorgen stehen suchen unterstützen verbinden verhindern verlieren wachsen wahrnehmen werben zeigen ziehen zählen übernehmen überwinden
Wortwolke: Merkel
achten anbelangen anschauen ausgeben bedanken befassen bekommen beschäftigen bitten darstellen denken diskutieren durchsetzen einbringen einführen eingehen einsetzen eintreten entscheiden feiern finden funktionieren fühlen führen geben gehen geschehen gestalten glauben heißen hinweisen hängen investieren kommen kümmern leben leisten lernen machen passieren regeln sagen schaffen schauen senken sprechen stattfinden steigen stellen tun umgehen umsetzen verabschieden verpflichten versprechen versuchen vertreten verändern vornehmen weitergehen wissen zusammenarbeiten ändern
Wie bei der Texsorte “politische Rede” nicht anders zu erwarten, finden sich in beiden Korpora zahlreiche Sprachhandlungsverben wie meinen, glauben oder sagen. Als typisches Merkmal von Frauensprache hat die Sprachwissenschaft die Verwendung abschwächender Formulierungen identifiziert, besonders solcher Formulierungen, in denen der Aussagegehalt einer Äußerung als subjektiv dargestellt wird (Ich denke, dass… / Ich bin der Ansicht, dass…).
Angela Merkel neigt offenbar dazu, Sätze mit den Verben glauben (ich glaube, dass / insofern glaube ich) und denken (ich denke, das ist / ich denke, dass wir) einzuleiten:
| Lemma | Frequenz Steinmeier | Frequenz Merkel | Chi-Quadrat | Signifikanzniveau | x mal häufiger als bei Steinmeier |
|---|---|---|---|---|---|
| glauben | 158 | 1790 | 446,692046 | < 0.0001 | 4,86 |
| denken | 108 | 450 | 30,355017 | < 0.0001 | 1,78 |
Steinmeier hingegen favorisiert Formulierungen mit meinen (ich meine, dass wir hier / ich meine, wir sollten) und scheinen (mir scheint, dass / es scheint, als):
| Lemma | Frequenz Steinmeier | Frequenz Merkel | Chi-Quadrat | Signifikanzniveau | x mal häufiger als bei Steinmeier |
|---|---|---|---|---|---|
| meinen | 180 | 81 | 188,152816 | < 0.0001 | 5,17 |
| scheinen | 93 | 44 | 93,335266 | < 0.0001 | 4,92 |
| erscheinen | 39 | 25 | 29,061722 | < 0.0001 | 3,63 |
Die Bundeskanzlerin und ihr Bundesaußenminister benutzen also beide subjektivierende Satzeinleitungen, allerdings mit anderen Formulierungsvorlieben. Wie allerdings die Analysen in Teil II zeigen, kommen Markierungen von Aussagen als subjektiv bei der Kanzlerin deutlich häufiger vor.
Literatur:
Braun, Friederike (1993): Was hat Sprache mit Geschlecht zu tun? Zum Stand linguistischer Frauenforschung. In: Pasero, Ursula/Braun, Friederike (Hrsg.): Frauenforschung in universitären Disziplinen: “Man räume ihnen Kanzeln und Lehrstühle ein …” Opladen, S. 189-229.
Lakoff, Robin (1973): Language and woman’s place. In: Language in Society 2, S. 45-80.
Mulac, Anthony (1999): Perceptions of women and men based on their linguistic behavior: The Gender-Linked Language Effect. In: Pasero, Ursula/Braun, Friederike (Hgg.): Perceiving and performing gender. Opladen, S. 88-104.

